Sonntag, 30. Oktober 2011

Krakau - Historisches und Jazziges

Reisebericht vom Oktober 2011
Krakau gilt als die eigentliche Hauptstadt Polens. Mit ihrer 1000-jährigen Geschichte und als Geburtsstätte des polnischen Staates hat sie diesen Rang sicherlich verdient. Die Stadt am Oberlauf der Weichsel lag im Mittelalter mitten in Europa an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen wie dem Bernsteinweg und der Hohen Straße. Heute ist Krakau über den eigenen Flughafen Balice oder die Autobahn Görlitz – Breslau – Kattowitz zu erreichen. Mit der Bahn gibt es z.B. direkte Verbindungen über Berlin oder Hamburg, wenn man aus dem deutschen Norden kommt (Bahn Spezial Polen bietet besonders günstige Verbindungen).



Erste Eindrücke vermittelt die Website des deutschsprachigen Stadtführers Christian Vogt, der unsere Gruppe sehr kompetent und engagiert betreut hat. Er lebt und arbeitet seit Jahren in Krakau und vermag vor seinem deutsch-polnischen Hintergrund ein sehr plastisches Bild der polnischen Gegenwart und Geschichte zu zeichnen. Wir empfehlen ihn sehr gerne weiter.

Neben der überwältigenden Kulisse der Altstadt, der Marienkirche, der Jagiellonenuniversität, der Wawelburg, den ehemaligen jüdischen Stadtteilen Kazimierz und Podgorze begleitete er uns auch nach Auschwitz. Letzteres und ein Besuch des Schindlermuseums darf bei einer Bildungsurlaubsveranstaltung in Krakau natürlich nicht fehlen. Durch die Begegnung mit der perfiden Menschenvernichtungsmaschinerie der Nazis erschließt sich die historische Dimension dessen, was Krakau in der Vergangenheit ausgemacht hat - und was es heute in der polnischen Gegenwart bedeutet. 

Der Jazz spielt in der Kultur Krakaus (und des übrigen Polen) eine ganz wichtige Rolle, wie man dem folgenden Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung entnehmen kann.

Polski Jazz
Ein Fenster zur Freiheit
Gertrud Pickhan
Jazz gehört zu den bevorzugten Musikrichtungen in Polen - spätestens, seit Krzysztof Komeda 1956 einen eigenen polnischen Jazzstil begründete. Die wichtigsten Impulse hatte er dabei von einer amerikanischen Jazzsendung erhalten. Denn amerikanische Rundfunkanstalten verbreiteten ganz gezielt westliche Jazzmusik im Ostblock - als "Waffe des Kalten Krieges".

Ich hatte während meines Aufenthaltes Gelegenheit, die Jazzclubs Alchemia und PiecArt näher kennen zu lernen. Beide Clubs bieten mehrere Konzerte pro Woche und liegen sehr zentral. Es gibt sehr viel moderne und auch freien Jazz in Krakau. Aber man kann auch traditoniellen Dixieland, Swing oder Klezmer hören. Was mich jedoch erstaunte, war das Erlebnis in einem der beiden Plattengeschäfte: Ich wollte eine CD des Jaroslaw Bester Quartets kaufen. Der Verkäufer und dessen EDV kannten den besten Akkordeonisten Polens nicht. Die Cracow Klezmer Band wurde vor einigen Jahren aufgelöst, Jarek hat jetzt eine eigene Band. Unbedingt zu empfehlen. In einigen Gesprächen mit Jazzern erfuhr ich, dass man Jazz heutzutage nur noch im Internet kaufe. (Second Hand-) Schallplatten kenne man nicht, es gebe ja Ebay.

Im Alchemia hörte ich ein Konzert mit dem Chicagoer Saxophonisten Ken Vandermark, einem Stammgast im Alchemia. Dort nahm er 2004 seine 12 CDs umfassende Compilation „The Vandermark 5 at Alchemia“ auf. Am 25.11. spielte er dort im Duo mit Paal Nilssen – Love. Ein faszinierendes, freies und ungestümes Konzert. Sie spielen einen Jazz, den nicht unbedingt jeder ertragen kann. Es ist unglaublich, mit welch einer Wucht die beiden Interpreten aufeinander treffen, wie sie sich gegenseitig die Bälle zuwerfen und auf einander eingehen. Die ca. 140 Besucher im engen Jazzkeller waren aus dem Häuschen.

Am Tag zuvor hatte ich bereits den ukrainischstämmigen Pianisten und Knopfakkordeonisten Boris Malkowsky kennen gelernt, der seit einiger Zeit in Polen lebt und arbeitet. Er ist ein Musiker voller Ideen und Überraschungen, der auch mal gleichzeitig Flügel und Akkordeon spielt. Und er passt nach Krakau, dass mit seiner Jahrhunderte alten galizisch-jüdischen Tradition schon immer ein musikalischer Schmelztiegel war. Einfach mal reinhören: es lohnt sich bestimmt.

Auch im PiecArt, dass sich mir auf Grund der Nähe zum Hotel Polonia (gleich neben dem Bahnhof) als tägliche Anlaufstelle anbot, hörte ich die junge norwegische Gruppe Kristoffer Eikrem Quartet. Die Studenten in der Gruppe des Trompeters Kristoffer E. überzeugten durch einen Grad an Professionalität und stilistische Vielfalt. Bei dem Konzert waren auch einige der 180 000 in- und ausländischen Studenten aus Krakau anwesend, die dafür sorgen, dass der Altersdurchschnitt in den (nächtlichen) Straßen der Weichselstadt sehr niedrig ist. Ich hatte das Vergnügen, zwei angehende Zahnärztinnen aus Norwegen kennenzulernen, die dort gerade ihr Studium begonnen hatten. Nach dem Konzert habe ich noch lange mit Kristoffer und Co sowie Boris Malkowsky sprechen können. In der intimen Atmosphäre des Klubs sind solche Gespräche das Sahnhäubchen eines gelungenen Konzertabends.

Zum Abschluss hört eich VEIN aus Basel mit den Brüdern Michael (p) und Florian Arbenz (dr)sowie Thomas Lähns (b). Sie entfachten ein Feuerwerk nach dem anderen. Besonders angetan hat es mir der Schlagzeuger, der mitreißend spielte. Die beiden CDs, die ich nach einem sehr amüsanten und anregenden Gespräch mit den Musikern kaufte, erwiesen sich als  ein hervorragendes Souvenir (Vein plays Porgy & Bess und Vein meets Glenn Ferris (!!!!)). Während des zweiten Konzertabends von Vein (der sich als genauso toll erwies wie der erste) lernte ich auch einen polnischstämmigen Zahnarzt aus Düsseldorf kennen, der in der Nähe  Krakau geboren wurde. Mit seinem Freund, einem polnischen Elekroniker, der hauptberuflich HiFi-Anlagen repariert und verbessert, hatten wir reichhaltigen Gesprächsstoff. Wir fachsimpelten über Audiostream und die Zukunft digitaler HiFi-Technik sowie über polnischen Jazz.


Wer im kommenden Oktober (2012) Interesse an einer Fahrt nach Krakau hat, dar sich gerne beim Verfasser melden. Die Fahrt wird als Bildungsurlaub der VHS Diepholz angeboten.