Montag, 5. September 2011

Fazit des Jazz Folk & Bike Festivals 2011


Reflektionen zu Jazz Folk & Bike 2011


JFK steht für Kultur, Musik und die damit verbundenen Emotionen und kulturellen Werte. Der Mensch lebt nicht nur von der Arbeit und dem Geld, das er verdient. Musik öffnet die Herzen der Menschen und JFK hat ehrenamtlich die Aufgabe des Vermittlers zwischen Publikum und Zuhörern übernommen. Keinesweges uneigennützig, sondern aus der tiefen Überzeugung heraus, dass sich unsere eigenen kulturellen Bedürfnisse mit denen vieler Mitbürger decken.

Wir sind sehr zufrieden mit der Auswahl der Musik, der Vielfalt und stilistischen Bandbreite des diesjährigen Programms. Eines unser wesentlichen Anliegen ist, die Hörgewohnheiten der Menschen, die den ganzen Tag von musikalischem Einerlei berieselt werden, zu durchbrechen und ihnen den Zugang zu einem riesigen Reservoir kreativer, ehrlicher und wertvoller Musik zu schaffen, das für viele unentdeckt in der Mitte unserer Gesellschaft schlummert und nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Mit Hilfe unserer Sponsoren haben wir ein Programm erstellt, das einzigartig ist. Einzigartig in seinerVielfalt und Bandbreite. Wir schöpfen aus einem unerschöpflichen Pool kreativer Musiker, denen wir dabei helfen, ihr Publikum zu finden. Unsere Triebfeder ist die eigene Begeisterung für handgemachte, individuelle und vom normalen musikalischen Einheitsbrei unbeschadete Musik.

Diese Arbeit lohnt sich.Wir bekommen so viel von unserem Publikum und von unseren Musikern zurück, ohne dabei das Gefühl haben zu müssen, zu kurz zu kommen. Schließlich ermöglicht uns unsere Tätigkeit die direkte Begegnung mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten, das Privileg, ihnen direkt zu begegnen und diese einzigartigen Erlebnisse zu verinnerlichen, an ihnen zu wachsen und neue Kraft für unseren Alltag zu schöpfen.

Wir haben an diesem Wochenende viele glückliche Leute erlebt und wundervolle Musik gehört, die sich für immer in unserem Herzen eingebrannt hat. Ein junges Radfahrerpaar aus Herford tauchte auf allen Konzerten auf und war von der Veranstaltung begeistert. Norwegische Folkies und Ruhrpott-Jazzer fanden beim Essen nach dem Konzert zueinander und entdeckten gemeinsame Berührungspunkte. Sie philosphierten über Musik und deren Bedeutung in der Gesellschaft und erkannten bei allen Unterschieden die gemeinsame Wurzel ihrer Musikbegeisterung. Johannes Lemke genoss den Austausch über Henrik Ibsen und die Figur Peer Gynts, dessen Lektüre ihm noch lebhaft in Erinnerung war und inspirierte Hans Fredrik Jacobsen zu einem Vergleich der norwegischen Nationalbefindlichkeit und den Charakterzügen des romantischen Helden aus der norwegischen Literatur.

Die Techniker Markus und Florian  von Meyer-Veranstaltungstechnik waren zuverlässiges und stets engagiertes Team, das ich nicht missen möchte. Mit ihrer freundlichen, verantwortungsbewussten Herangehensweise, ihrer vorausschauenden Planung sind sie ein unverzichtbarer Teil des JFK- bzw. JF&B Teams geworden. Sie leben und atmen stets im Takt des Festivals und machen einen Teil seiner Seele aus. Die Musiker sind immer voll des Lobes über ihre umfassende Kompetenz.

Backyard Devils und The Rihm Shots
Beide Gruppen boten auf ihre Weise geerdeten, sympathischen Blues- bzw.und West Coast Blues vom Feinsten. Die Leadmusiker verfügen über eine Virtuosität an ihren Instrumenten, die mitreißt. Sie spielten abgehangenen Blues, der zwischen Hache und Meliorationskanal ein von Slide-Guitar und Mundharmonika geprägtes Mississippi-Feeling aufkommen lässt. Das alles wurde von der vielköpfigen Familie Grieme liebevoll und kompetent organisiert. Sie haben ihr Osterholzer Zuhause zu einer Blueslocation verwandelt, die Muddy Waters vom Hocker hauen würde.

Kapelsky: Jürgen Lohmeyer saß während des Konzertes neben mir und ich konnte erleben, wie er sich immer wieder schelmisch über die mit Spielwitz und Virtuosität vorgetragene Musik dieser Gruppe freute, als er im Klezmer ein Mozartzitat entdeckte oder erstmals in seinem Leben "Fuchs, du hast die Gans gestohlen im 7/8 Takt" hörte. Die Nationalhymne von Molvanien, einem Phantasiestaat mit einer Sprache, die nur aus Konsonanten besteht, fand ebenfalls die Begeisterung des gebannten Publikums. Die begnadete moldawische Marina Frenk wusste ihr Publikum zu begeistern und beseelte die Gruppe zu wahren Höhenflügen.

Tone Hulbaekmo / Hans Fredrik Jacobsen spielten Musik aus zwei fremden Welten: dem bäuerlichen Norwegen und dem Mittelalter. Ihre Emotionalität und Authentizität sprang sofort auf die musikbegeisterten Zuhörer über, von denen sich nach dem Konzert gleich eine ganze Reihe persönlich bei den Veranstaltern für ein wundervolles, beglückendes Konzert bedankten. Pastorin Heinemeye strahlte angesichts des gelungenen Konzerts.
Ein Flensburger Entusiast kam nur wegen dieses Konzertes nach Syke und war glücklich darüber, ein Autogramm von Tone Hulbaekmo zu bekommen. Das norwegische Duo plant auf seiner Tour drei Konzerte, nämlich eins in Syke, eins bei befreundeten Musikern in Torgelow in Vorpommern und das letzte in Prag. Eine Gruppe älterer Syker bedankte sich persönlich für das überwältigende spirituelle Erlebnis. Lena Sonntag und allaBrema erwiesen sich enthusiastischer und höchst inspirierter, leistungsstarker Chor, der gemeinsam mit einem norwegischen Duo das Wagnis eingeht, ein gemeinsames, unvorbereitetes Konzert zu bestreiten und dann ein Publikum zum einem begeisterten Beifall zu bringen.

Dictionary of Funk: Lebensfreude pur, 2 Stunden körperliche Musik, die keinen im Saal unberührt ließ. Eltern, die mit ihren Kindern ausgelassen tanzten. Ein türkischstämmiger Sänger, der seinen Immigrationshintergrund spaßhaft zum Thema machte und mit seinem unverkrampften Charisma das Publikum begeisterte. Nach dem Konzert fühlten viele begeisterte Zuhörer das Bedürfnis sich mit dem Leadsänger auszutauschen. Seine eindeutige Botschaft: ich labere nicht über Integration, ich lebe sie. Ich bin einer von euch. Mit seinem Charisma hatte er es gar nicht nötig, stundenlang nach sprachlichen Mitteln suchen: er lebt es einfach. Viele Zuhörer gingen nach dem Konzert beseelt nach Hause, tief berührt oder einfach nur beswingt vom Groove der Musik.

Lauter Blech: Die Veranstaltung war sehr gut besucht und die aus allen Altersgruppen zusammengesetzten Besucher hatten sichtlich Spaß an der fröhlichen, leicht schrägen Blasmusik der Bremer Blechmusiker. Der Veranstaltaungsort überzeugt nicht nur durch die herrliche Kulisse des Daches aus Buchenlaub, sondern vor allem durch die Akkustik. Die Spendensammlung erbrachte dann auch einen ansehnlichen Betrag, den die gutgelaunten Besucher gerne aufbrachten.

Tango Transit: Das Konzert war eine Wucht. Tone Hulbaekmo und Hans Fredrik Jacobsen waren schier begeistert von dem Akkordeon Trio und seiner virtuosen Leistung. Die wegen des angekündigten Gewitters zahlenmässig geringe Schar der Besucher war bis zum lezten Ton gebannt von dieser kraftvollen Musik. Die Atmosphäre im Garten des Vorwerks bot eine wunderschöne Kulisse. Schweren herzens musste ich da Konzert vorzeitg verlassen, da ich zur örtlichen Kreiszeitung zitiert worden war. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig darüber, es nicht abgelehnt zu haben, denn sie haben keine einzige Konzertkritik geschrieben.

Lemke-Nendza-Hillmann stellten sich als rundum überzeugendes Trio mit einer breiten Palette an Ausddrucksmöglichkeiten dem begeisterten Publikum vor. An allen Instrumenten gleich stark besetzt boten sie ein musikalisches Feuerwerk, dass nicht nur durch vertrakte Rhythmen und einen glanzvoll spielenden Drummer geprägt war, sondern durch den dynamischen Wechsel von fast kammermusikalisch leisen Tönen und kraftvollen Passagen. Auch auf eher seltenen Instrumenten wussten sie zu überzeugen: Christopher Hillmann spielte die Kalimba und eine Rahmentrommel, André Nendza die Bassschlitztrommel und brachten so exotische Nuancen in ihre Klangwelt. Ob nun Johannes Lemke mit seinem warmen, unaufdringlichen, dennoch höchst präsenten warmen Saxohon im Fokus stand, oder André Nendza mit seinem melodiösen und überzeugenden Bass, die Gruppe war vonm ersten bis zum letzten Stück präsent und begeisterte die Zuhörer im Kreismuseum. Ein geringer Teil verlies das Konzert vor Ende des Auftritt: nicht weil sie die Musik nicht mochten, sondern weil sie enfach satt und zufrieden waren.

Gerd Harthus