Montag, 29. August 2011

Kornstad: Symphonies in my head


Diese noch unveröffentlichte CD übt eine nahezu magische Anziehungskraft auf mich aus. Schon nach wenigen Takten fühle ich mich entführt in das musikalische Universum des jun-gen Norwegers, der gerade eben nach Dwell Time (2009) seine zweite Solo-CD aufgenom-men hat. Mit seiner Ruhe und Gelassenheit scheint er über den Dingen zu stehen und lässt sich alle Zeit der Welt, neuen Klangfarben, Soundeffekten und perkussiven Patterns nachzu-spüren. Erstmals hörte ich sie im dichten Feierabendverkehr in Bremen. Eine Autofahrerin brachte den Verkehr zum Erliegen, weil sie rückwärts einparken wollte. Zu meiner eigenen Überraschung blieb ich völlig ruhig und erfreute mich stattdessen meines Daseins und der Klänge Kornstad. Als ich dann aber in der Weite des norwegischen Einundalen die Musik hörte, wurde sie zur Offenbarung: die meditativen Melodien vor dem Hintergrund der ur-tümlichen und menschenleeren Landschaft waren umwerfend.
Dass Technik neuen Sound schaffen kann, wissen wir spätestens seit der Erfindung der E-Gitarre oder den bahnbrechenden Aufnahmen der Beatles in den Sechszigern. Håkon Kornstad geht einen ähnlichen Weg: mit seinen Soloaufnahmen definiert er das Saxophon dank neuester Bühnentechnik als Instrument neu. Er spürt den Klangmöglichkeiten nach, kostet die subtil variierten Soundmöglichkeiten des Horns aus und begleitet sich selbst, in-dem er über Loops improvisiert. Das geschieht wohlgemerkt nicht nur im Studio, sondern auch Live auf der Bühne. Ganz Minimalist verzichtet er auf übermäßige Verfremdung und Effekthascherei, ihm scheint es vielmehr um den ureigenen Klang zu gehen, die gewaltige Spannbreite der Stimme des Tenorsaxophons.
Die Ruhe der unterschiedlichen Stücke basiert auf der Spannung zwischen repetitiven Rhythmen und klar strukturierten, sich langsam weiter entwickelnden Melodien. BassSaxBeat etwa basiert auf einem rhythmisch swingendem tiefen und einer rauen, klassischen Saxophonstimme. Flutobeat wird von der mit einem Klarinettenmundstück gespielten Flöte geprägt, die dem Stück eine archaisch anmutende Grundstimmung verleiht. In dem hymnisch klaren Plystre (Pfeifen) dominiert ein kammermusikalischer Sound mit leichten Halleffekten. Genüsslich schwelgt Kornstad in verschiedenen Klanglagen des Horns, um schließlich zur Seite zu legen und das Stück pfeifend zu beenden: der menschliche Atem als Ursprung musi-kalischen Ausdrucks. Kein Zweifel: der junge Norweger hat seine Mitte gefunden und viel zu erzählen.

Nachtrag: Soeben erhielt ich die Nachricht, dass die CD im Oktober/November 2011 veröffentlicht werden soll.