Vladyslav Sendecki und Nils Landgren erkunden in Syke die improvisatorischen Freiheiten des Jazz
12.02.11|
Von Rainer Beßling SYKE · Wie gut muss man sich kennen, um als Duo auf die Bühne zu gehen? Ziemlich gut. Muss man sich vor allem aufeinander verlassen können? Sicher, wir treten zu zweit nackt vor das Publikum. Da braucht man den Rückhalt des Partners wie die Luft zum Atmen.
Jazz mit volksmusikalischen Bascis: Vladyslav Sendecki und Nils Landgren überzeugten in Syke.
Aber man muss sich auch gegenseitig überraschen. Man muss Geschichten erzählen, die den anderen neugierig machen und aufmerksam halten. Und Vladyslaw erzählt Geschichten, bei denen ich richtig wach werde und mich gefordert fühle. Da gibt es kein Ausruhen. Da spielt man wie auf Zehenspitzen, geerdet und auf Flügeln.
Nils Landgren ist seinem musikalischen Partner im Pausengespräch genauso zugetan wie auf der Bühne. Vladyslav Sendecki ist für den schwedischen Posaunisten offensichtlich eine höchst inspirierende musikalische Quelle. Und das Publikum im irgendwann gar nicht mehr paneelenwarm funktionalen Vortragssaal der Kreissparkasse Syke durfte den melodisch-rhythmischen Dialog der beiden Jazzer genießen.
Dem Syker Konzertverein JFK ist es gelungen, zwei der herausragenden europäischen Jazzmusiker zu einem Duo-Abend zu gewinnen. Der aus Polen stammende Pianist Sendecki formiert sich mit dem schwedischen Posaunisten Nils Landgren zu einer Traumformation. Traumformation für zwei Musiker, die sich in der NDR-Bigband immer mal wieder im größer orchestrierten Rahmen treffen. Dass Landgren ein exzellenter Solist ist, weiß man von vielen Einspielungen. Dass Sendecki nicht nur verlässlicher Begleiter, sondern auch ein inspirierter, kreativer, kraftvoller Solo-Performer ist, weiß man spätestens von seinem Auftritt in Schloss Elmau, der auf CD nachgehört werden kann.
Aber die beiden sind „nicht nur“ Musiker, sondern auch Musikförderer und musikalische Köpfe mit innovativen Jazz-Konzepten. Nach Syke haben sie ein Programm mitgebracht, das ihren Funken sprühenden instrumentalen Dialog trug. Ostinate rhythmische Patterns und eingängige harmonische Strukturen, die aufgreifende Improvisationen ermöglichten. Und sie hatten volksmusikalische Basics im Gepäck. So etwas wie die fundamentale Ausstattung aus Kindheitstagen, derer man sich kaum bewusst ist, die aber weiter wirkt. Und da haben die beiden festgestellt, dass polnische und schwedische Volksmusik gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Es geht um Lebensgeschichten und deren Spiegelung im melancholischen musikalischen Modus.
Den Volkston vereinen beide unter dem Dach jazziger Mollskalen und pentatonischer Patterns. Es gibt eben universelle Ausdrucksformen für globale Empfindungen, und die Strukturen und improvisatorischen Freiheiten des Jazz sind das passende, flexible Gefäß für die individuell und kulturell geprägten Inhalte. Der warme, gesangliche Klang der Posaune und das perkussiv und basisharmonisch operierende Klavier schließen sich zu einer engen, intimen Klammer, die über zwei Stunden fesselt. Kein Gedanke an ein vielleicht zu schmales Klangspektrum. Es passiert, nicht zuletzt aufgrund der überquellenden Einfälle des polnischen Pianisten, der sich kaum über mehr als acht Takte in einem Gestus oder rhythmischen Gedanken aufhält, permanent Neues.
In dieses instrumentale Wechselspiel auf der Basis treibender Rhythmen und eingängiger Melodien fügen sich so unterschiedliche Ohrwürmer wie Stings „Fragile“, die wunderbar jazzige Beatles-Ballade „Blackbird“ oder „Cold Duck Time“, eine funkige R‘n‘B-Nummer des großartigen Saxophonisten Eddie Harris. Hier trat Landgren auch als Vokalist mit schmeichelwarmem Timbre in Erscheinung, aufschlussreiches Pendant zur kantablen Anlage seiner Chorusse.
Im verdienstvollen Programmangebot von JFK nimmt dieses Konzert einen besonderen Platz ein. Zwei herausragende Repräsentanten des europäischen Jazz treffen sich zu einem ihrer wenige Duo-Abende in der Provinz und demonstrieren Jazz-Fusion auf der Höhe der Zeit. Das Publikum im ausverkauften Vortragssaal des Syker Finanzdienstleisters und Konzert-Förderers jubelte anhaltend.


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