Text Götz Bühler aus Jazzecho 2 - 2010 downzuloaden bei http://www.jazzecho.de/service/jazzecho-printmagazin/
Get Shorty!
Get Shorty!
Seit seinem vierten Lebensjahr heißt Troy Andrews nur Trombone Shorty.
Gefeiert von Wynton Marsalis und Lenny Kravitz, zündet der inzwischen 24-Jährige aus New Orleans jetzt seine Supafunkrock-Bombe.
Es wäre eine Schande, wenn Troy Andrews etwas anderes als Musiker geworden wäre. Geboren im Stadtteil Treméin New Orleans, wo, er sagt, „Jazz erfunden wurde – mehr oder weniger“, imitierten Troy und seine Freunde schon im Kindergarten die Brass-Band-Umzüge der Großen. „Wir nahmen uns Pappkartons als Trommeln, pusteten in Gartenschläuche und Plastiktrichter“, erinnert er sich. „So zogen dann etwa fünfzig Kids um den Block, immer im sicheren Abstand zur echten ‚Second Line‘. Als wir dann richtige Instrumente bekamen, waren wir nicht mehr aufzuhalten.“ Sein großer Bruder James sieht den eben Vierjährigen mit einer Posaune, doppelt so lang wie Troy selbst, in einem Musikumzug und tauft ihn „Trombone Shorty“. Der Name blieb, das Talent wuchs. Dass dieser „Shorty“ nicht nur die eigene Familie beeindruckte, zeigt ein altes Foto mit Bo Diddley, auf dem sich der Rock’n’Roll-Meister mit anerkennendem Blick zu dem kleinen Posaunisten herunterbeugt. Zum Star geboren? Möglich. Musik im Blut? Wahrscheinlich. Einer der spannendsten neuen Musiker und Entertainer des Jahres? Sicherlich.
„Wenn man aus New Orleans kommt, ist man immer von diesen Helden umgeben, die nicht nur großartige Musiker, sondern auch fantastische Entertainer sind, angefangen mit Louis Armstrong“, meint Troy Andrews. „Das ist mein Idol, dem eifere ich nach. Wenn ich nur auf der Bühne stehe und Musik mache, langweilt mich das. Also wollte ich ein echter Entertainer werden und singen, tanzen oder sonst was machen, um das Publikum anzuheizen und zum Mitmachen zu bewegen.“ Sein direktes Vorbild war dabei der „Satchmo of the Ghetto“, sein Trompete spielender Bruder James. Kurz nach den oben erwähnten Pappkartons und Plastiktrichtern bringt James seinem kleinen Bruder das Schlagzeugspielen bei und schenkt ihm auch „die kleinste Trompete der Welt“. Troy ist drei Jahre alt, als er außerdem Posaune lernt, um endlich in der Band seines Bruders mitspielen zu können. Mit elf zieht er an den Wochenenden mit seiner eigenen Band zum Jackson Square im French Quarter, um Straßenmusik zu machen. Wenn es gut läuft, rasselt Kleingeld in die Instrumentenkoffer, bis zu 400 Dollar pro Kopf. Troy ist noch nicht mal Teenager da steigt er noch ein Level weiter auf und begeistert das Publikum bei eigenen Club-Gigs – darunter auch The Edge undBono von U2, die er, wie sie sage n, regelrecht „hypnotisierte“, weshalb sie „nach ein paar Tequilas mit lauter Mädchen auf der Bar tanzten“. Auch die Lokalmatadoren loben den Knirps mit dem Langhorn, Wynton Marsalis nennt sich seinen „größten Fan“. Doch auf solchen Lorbeeren ruht sich Trombone Shorty erliganicht aus. Er lernt unermüdlich neue Songs, egal woher und worüber, von Marschmusik über AC/DCs „Back In Black“ bis zu Hip-Hop-Hits. „Jazzmusiker können so engstirnig sein”, sagt er. „Ich wollte auf keinen Fall einer von denen sein, die immer wieder dasselbe Zeug recyclen. Wie soll man dabei wachsen können? Außerdem wollte ich immer für Leute spielen, die so alt sind und ähnliche kulturelle Referenzen haben wie ich. Ich muss mich selbst und das Publikum bei Laune halten.“ Nebenbei schreiben Troy und seine Band Orleans Avenue auch immer mehr eigene Songs, nehmen mit 17 ihre erste CD auf und gründen gleich noch ein Label. Ein Jahr und drei Alben später („Wie viele wir davon verkauft haben? Kommt drauf an, wer fragt: Tausende, wenn ich ehrlich bin. Nicht mal zwölf, wenn mich die Steuer fragt.“), kommt die große Chance: Lenny Kravitz holt den eben 18-Jährigen in seine Band. „Als mich ein gemeinsamer Freund vorschlug, war Lenny zuerst skeptisch. ‚Ich will einen mit Soul – wie kann ein 18-jähriges Kind Soul haben?‘ Trotzdem flog er mich nach Miami ein. Nach dem Vorspielen meinte er: ‚Du bist in der Band. Aber du musst dir den Arsch aufreißen, um zu bleiben. Okay?‘ In den nächsten drei Wochen musste ich seine komplette Musik aus etwa 20 Jahren lernen. Aber ich habe es geschafft. Obwohl meine Schwester meinte, das sei so, als wäre der Basketballer Kobe Bryant direkt von der Highschool in die Oberliga gekommen.
“ „Backatown“, Trombone Shortys Major-Debüt, war in den USA sofort ein Erfolg. Natürlich wegen der brachialen Grooves, der extrem tighten Produktion, dem Mitsing-Hit „Something Beautiful“ und all der anderen Hüftenschwinger und Kopfnicker – aber auch wegen seiner Vorgeschichte und der ausgewählten Features, etwa von Lenny Kravitz oder Allen Toussaint. Die Fernseh- und Radiostationen sind begeistert von diesem smarten und eloquenten Hipster, laden Troy von der „Morning Show“ bis zu „Late Show with David Letterman“ ein, nutzenseine rockigen Funk-Lieder als Erkennungsmelodien. Der schlanke Muskelmann bekommt sogar eine Rolle in der HBO-Serie „Treme“. Damit auch der Rest der Welt ins vielstimmige „Go, Shorty!“ einfällt, trat Trombone Shorty knapp einen Monat nach der US-Veröffentlichung mit seiner Band im Verve Club in Berlin auf. Nach der vierten Zugabe, nach einem so intensiven wie unterhaltsamen Set, bei dem Troy und seine Band wirklich alles gegeben haben – einmal sogar die Instrumente durchgetauscht, so dass sich der Leader am Schlagzeug beweisen konnte – bebte der Laden noch immer. „Mann, so machen wir das eben in New Orleans“, lacht er im Backstage. „Wenn ich irgendwas in meiner Zeit mit Lenny Kravitz gelernt habe, dann, dass man sich sein Publikum erarbeiten muss – je mehr du ihnen gibst, umso mehr bekommst du zurück. Zuzusehen, wie er 16.000 Menschen unter Kontrolle hat, die mit ihm lachen, weinen und feiern, war eine tolle Lektion. Aber es fängt immer mit dir an, denn du …“ Er bricht mitten im Satz ab, hört auf die Musik aus dem Club. „Wer ist dieser DJ? Eben hat er schon was von Dr. John gespielt – und das ist jetzt Allen Toussaint, oder? Woher kennt der das Zeug?“ Als er hört, dass heute Abend der Chef persönlich die Platten auflegt, schüttelt er lachend den Kopf. „Mann, und ich dachte, ich wäre hip! Ein Glück, dass ich erst Anfang zwanzig bin – da darf man schließlich noch lernen.“


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