Von Ulf Kaack, Kreiszeitung
MÜNCHEN. Sie ist einer der ganz großen Stars in der internationalen
Jazz-Szene und gilt in diesem Genre als Deutschlands Exportschlager-Nummer
Eins: Barbara Dennerlein. An ihrem Instrument, der Hammond-Orgel, gilt sie als
eine klangzaubernde Virtuosin und hervorragende Komponistin. Seit rund zehn
Jahren brilliert die 47-Jährige auch an der Kirchenorgel. Sie hat reihenweise
renommierte Preise bekommen, mehr als 25 Alben veröffentlicht und spielt im
Schnitt 100 Konzerte im Jahr. Dabei kennt Barbara Dennerlein keinerlei Grenzen:
Swing und Bebop, Blues, Soul, Latin, Funk sowie Klassik – ihre Musik ist ein
sich ständig wandelnder Fluss.
Sie entstammen der
Generation, in der Abba, Bonney M., Pink Floyd und AC/DC populär waren. Wie
kommt man in jungen Jahren ausgerechnet zum Jazz?
In meinem Elternhaus wurde viel Jazz gehört. Das hat mich
sicher beeinflusst, obwohl ich mich erst bewusst mit dieser Musik beschäftigte
als ich Orgel lernte. Mein Vater hatte diverse Orgelplatten an die ich mich
noch gut erinnere. Er liebte und liebt natürlich immer noch Hammond-Orgel und
freut sich daher heute sehr über mein Spiel. Er war es auch, der mich
ermunterte, mich weiter mit der Pfeifenorgel zu beschäftigen.
International gelten
Sie als die Stilikone an der Orgel, einem Instrument mit einem eher biederen
Image und dem Sound der 70er-Jahre. Was fasziniert sie an diesem klangproduzierenden
Möbelstück?
Die elektromagnetische Hammond-Orgel fasziniert mich, seit
ich sie das erste Mal gehört habe. Es ist ein Klang, der berührt, er ist so
menschlich. Kein Ton ist wie der andere, das ist wie eine Stimme und man kann
wirklich alles ausdrücken auf diesem Instrument, das eine unglaubliche
Klangvielfalt bietet.
Innovativ an diesem
Instrument waren in den 70er-Jahren Musiker wie Rick Wakeman und Keith Emerson,
die innerhalb der progressiven Rockmusik Synergien mit Klassik und Jazz
schufen. Hat Sie diese Strömung beeinflusst?
Man wird sicher durch alles beeinflusst, was man hört und
gut findet. Da ich mich aber bereits in den 70er Jahren (ich begann 1975 Orgel
zu lernen) hauptsächlich für den Jazz interessierte, haben mich diese Synergien
nur bedingt beeinflusst. Ich gehe heute auch ganz anders mit der Verbindung von
Jazz und Klassik um.
Mit „Spiritual
Movement No. 1“ haben Sie 2002 Ihr erstes Jazz-Album an einer Kirchenorgel
eingespielt. Warum der Exkurs zur sakralen Pfeifenorgel?
Die Klangvielfalt und auch das unglaubliche Klangvolumen
einer Pfeifenorgel in der Kirche ist etwas ganz Besonderes. Es ist, wie wenn
den Klangkörper eines Orchesters zur Verfügung hat. Hinzu kommt die spezielle
Atmosphäre in der Kirche oder im Konzertsaal generell, der es dem Publikum
erlaubt, ganz in die Musik einzutauchen und ein besonders intensives Musikerlebnis
zu erfahren. In der Kirche ist man viel mehr bei sich und beim Vortrag als bei
einem normalen Konzert. Die Spiritualität des Raumes überträgt sich auf das
Publikum und so kann es sich ganz auf die Musik und die damit verbundenen
Empfindungen konzentrieren.
Was reizt Sie an
diesem Instrument?
Kirchenorgel hat mich schon immer interessiert. Und als mich
1994 der Veranstalter der Würzburger Bachtage fragte, ob ich ein Konzert mit
Jazz an der Konzertorgel geben würde, sagte ich spontan zu und beschäftigte
mich fortan mit diesen Instrumenten. Inzwischen habe ich weltweit bestimmt an
150 Kirchen- und Konzertorgeln konzertiert und viele Erfahrungen gesammelt. Es
gibt große Unterschiede zwischen Hammond und Kirchenorgeln. Die Pedalklaviaturen
der Kirchenorgel sind viel weiter auseinander, haben keinen Nachklang, generell
ist dieses Instrument in der Reaktion viel langsamer als die Hammond. Zudem
benötigt man viel mehr Kraft für die Tastaturen, oft auch zum Registrieren -
wobei moderne Computersetzeranlagen dies sehr komfortabel machen und man durch
das Abspeichern von Registrierungen große Klangwechsel beim Konzert alleine
sehr einfach vornehmen kann. Die Klänge (Register) der jeweiligen Pfeifenorgel
ist natürlich völlig anders als die der Hammond. Ich fühle mich an der
Kirchenorgel oft wie ein Arrangeur, der für ein großes philharmonisches
Orchester schreiben darf.
Pro Jahr spielen Sie
diverse Konzerte an der Kirchenorgel. Alle Instrumente sind unterschiedlich in
ihrer Größe, ihrem Alter und in ihrer Bespielbarkeit. Wie stellen Sie sich
darauf ein?
Ich bin in der Regel am Vortag bereits an der Orgel, um die
Klangmöglichkeiten und Eigenheiten des jeweiligen Instrumentes kennenzulernen
und die Registrierungen vorzubereiten. Sobald ich die Orgel kennenlernen
konnte, entscheide ich, bei welchem Programm ich meine Vorstellungen am besten
umsetzen kann. Ich bin immer wieder von dem grandiosen Klang der echten Pfeifen
fasziniert.
Sie entwerfen Ihre
Konzerte praktisch für jedes Konzert individuell?
Genau so ist es. So kann ich mich exakt auf das Instrument
und die Akustik einstellen und das Maximale herausholen.
Mein Repertoire komponiere ich speziell für die
Kirchenorgel. Hin und wieder gibt es Kompositionen, die ich sowohl auf Hammond-
als auch auf Kirchenorgel spiele. Diese werden jeweils unterschiedlich
arrangiert. Ich versuche im Prinzip ein spannendes und abwechslungsreiches
Programm zu präsentieren, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei ist und ich
freue mich, wenn nicht nur Jazzfans den Weg in die Kirche finden.
Aktuell arbeiten Sie
an Ihrem dritten Album, das allein an der Kirchenorgel intoniert wird. Was
erwartet den Hörer?
Die CD „Spiritual Movement No.3“ wird im voraussichtlich im
Mai dieses Jahres erscheinen und ist bereits fertig gemischt und gemastert. Die
CD präsentiert ein einzigartiges Konzertereignis, das an einer sehr schönen
Rieger Orgel im Duo mit einem
Gitarristen aufgenommen wurde. Die Klangkombination Gitarre und Kirchenorgel
sowie einige Synthesizerklänge ist sehr spannend und man spürt, dass wir uns
gegenseitig – angestachelt durch ein begeistertes Publikum – inspirierten und
etwas Einzigartiges schaffen konnten.
Welchen Stellenwert
nehmen Improvisationen bei Ihren Konzerten ein?
Meine Musik lebt natürlich vor allem von der Improvisation -
quasi ein Komponieren im Konzert. Die Stücke haben ausgearbeitete,
festgeschriebene Passagen und erlauben gleichzeitig viel Freiheiten für die
Improvisation.
Was bedeutet Ihnen
mehr - die Arbeit im Studio oder in den Konzertsälen, Clubs und Kirchen?
Am Schönsten ist die Abwechslung. Die Intimität von Clubs,
die gespannte Konzentration in großen Konzertsälen, das Versinken in die Musik
in den Kirchen und das kreative Arbeiten im Studio.
Gibt es Musiker, die
für Sie stilprägend sind?
Ich liebe großartige Musiker, die keine Kompromisse machen
und kreativ sind. Friedrich Gulda war so ein Künstler. Die Zusammenarbeit mit
ihm hat mich gefordert, inspiriert und mir gleichzeitig eine große Bestätigung
gegeben. Konkrete Vorbilder hatte ich allerdings nie, denn ich versuchte von
Anfang an, meine Fähigkeiten so weiter zu entwickeln, dass ich das spielen
konnte, was ich in mir spürte und hörte.
Sie haben den Ruf,
absolut präzise und gleichzeitig ausgesprochen kreativ und stilübergreifend zu
arbeiten. Wie lassen sich diese beiden Eigenschaften miteinander vereinbaren?
Hervorragend. Der einzige Nachteil ist, dass ich es mit mir
selber nicht leicht habe. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst, die es zu
erfüllen geht. Doch wenn hinterher das Ergebnis stimmt, durchströmt mich ein
großes Glücksgefühl, das ich allerdings nicht lange auskosten kann, da immer
schon die nächste Herausforderung auf mich wartet.
Wie erklären Sie sich
Ihre Reputation im Ausland?
Ich bin sehr dankbar, dass ich überall auf dieser Welt so
wunderbare Fans habe. Mund zu Mund Propaganda und ein stetes Präsentsein ist
nicht zu unterschätzen. Ich habe meinen eigenen Stil, meinen Sound, meine ganz
eigene Auffassung und Spielweise sehr früh gefunden und kenne keinen
Organisten, der so spielt. Offensichtlich gefällt meine Art zu spielen, die
Präsentation, die Kompositionen - meine Musik eben - dem Publikum und ich liebe
es dafür!
Auch optisch ist Ihr
Spiel auf zwei Manualen und dem Fußpedal äußerst beeindruckend. Wie komplex und
anstrengend sind diese Bewegungsabläufe?
Die Orgel wird nicht ohne Grund als „Königin der Instumente“
bezeichnet. Es ist das einzige Instrument, an dem man mit vier Gliedmaßen
absolut unabhängig agieren muss. Zur rhythmischen Komponente kommt eben noch
die harmonische und melodische hinzu. Eine meiner Stärken ist das Spiel auf dem
Basspedal der Orgel, was leider von vielen Organisten der Jazz-, Rock-,
Popszene total vernachlässigt wird. Für einen klassischen Organisten oder einen
Kirchenorganisten wäre es beispielsweise undenkbar die Orgel ohne Pedale zu spielen. Es gehört einfach dazu, weil die Orgel meist
mehrere Manuale und eine Pedalklaviatur hat - und das ist nicht zum Anschauen
da, sondern soll gespielt werden. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich selbst
die Bässe spiele, so hat der „Bassist“ das ideale Timing. Das rhythmische Geflecht, das ich da
errichte, ist mir wichtig, um entspannt darüber soliere zu können. Natürlich
ist das körperlich sehr anstrengend und man muss sich schon fit halten.
Wie intensiv setzen
Sie sich mit der Technik der Hammond B3 in Kombination mit den modernen digitalen
Möglichkeiten auseinander?
Ich bin meines Wissens die erste (und bislang einzige)
Organistin gewesen, die sich die alte Hammond B3 mit Midi-Technik hat ausrüsten
lassen. Ich kann so einen selbst gesampelten Kontrabassklang auf dem Pedal
spielen und gleichzeitig die Hammond-Orgel mit Synthesizersounds kombinieren.
Dies gibt mir eine breitgefächerte Klangvielfalt, die vor allem für meine Solo
Konzerte sehr spannend ist.
Erfolg ist für einen
Künstler heute mehr denn je abhängig von einer intensiven Medienpräsenz. Gerade
dort findet Jazz jedoch nur ganz am Rande statt. Wünschen Sie sich mehr Aufmerksamkeit,
mehr Quote für Ihr Genre?
Ich würde mir wünschen, dass man vor allem jungen Leuten die
Chance geben würde, mal „zufällig“ auf Jazzmusik im Radio oder Fernsehen zu
stoßen. Mit Sendungen, die erst spät nachts ausgestrahlt werden, kann man nur
die eingeschworenen Jazzfans locken, aber keine potentiellen neuen Fans.
Das Hauptproblem des Jazz ist sein Image. Die meisten
„Nicht-Jazzfans“ setzen Jazz gleichbedeutend mit nur Dixie oder Free Jazz und
wissen nicht, welch reichhaltige Palette an wunderbarer Musik es dazwischen
noch gibt. Ich bin überzeugt davon, dass viel mehr Leute die Intensität und
Kraft dieser Musik lieben würden, wenn sie sie nur einmal aufmerksam hören könnten.